Ihr habt ja wahrscheinlich mitbekommen, dass sogenannte Upload-Filter im Rahmen der EU-Copyright-Initiative kommen sollen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf ein paar Fakten hinweisen:

  1. Wir hatten hier in 15 Jahren meines Wissens (und ich sollte das wissen) nur einen Zwischenfall, in dem jemand etwas hochgeladen hat, das er nicht selbst fotografiert hat, und auf dem er nicht selbst zu sehen war. Da ging es darum, einen anderen Fotografen mit einem gezielten Copyrightverstoß zu provozieren (Kinderkram zwischen Erwachsenen).
  2. Ich glaube nicht, dass dieses Forum sich besonders gut dafür eignet, Material unter fremdem Copyright zu veröffentlichen. Wenn ich so etwas tun wollte, würde ich mir nicht ausgerechnet eine Plattform mit Realnamen, relativ stark beschränkter Dateigröße und geringem täglichem Durchsatz aussuchen (da fällt man doch sofort auf).
  3. Sogenannte Upload-Filter haben sich in der Vergangenheit als technische Fehlschläge erwiesen. Ich verweise in dem Zusammenhang mal auf https://en.wikipedia.org/wiki/Content_ID_(algorithm)#Criticisms, https://juliareda.eu/2017/09/when-filters-fail/, https://netzpolitik.org/2018/n [verkürzt] gne-gegen-sexismus-ausbremste/ oder auch https://www.faz.net/aktuell/st [verkürzt] rithmus-zensiert-15638110.html.
  4. Ich bezweifele auch, dass solche Dienste überhaupt in den nächsten Jahren eine akzeptable Qualität liefern können. Das liegt daran, dass die Technik für Bilderkennung in den Kinderschuhen steckt, falls sie überhaupt schon so weit ist.
    Kleiner Einschub zur Begriffsabgrenzung: Gesichtserkennung ist ein anderes Thema. Auch da sind die Probleme längst nicht alle gelöst (https://qz.com/823820/carnegie [verkürzt] -you-steal-a-digital-identity/, https://www.docdroid.net/90ky3p0/gesichtserkennung-berlin-suedkreuz-din-a4.pdf), und 80% Trefferquote an Bahnhöfen bei 300 Teilnehmern sind nicht wirklich überragend https://rp-online.de/politik/d [verkürzt] -ueber-80-prozent_aid-33625535), aber das Problem 'Gesichtserkennung' scheint mir eher lösbar als 'Bilderkennung'.
    Menschen nehmen zuerst die globalen Eigenschaften eines Bildes auf (also große Formen und Farben und so), und dann erst die Details - falls wir uns überhaupt um die Details kümmern. Vom Titelbild des Buches einen Meter von mir weg nehme ich die Grautöne des Bildes, den großen roten Schriftzug, ein oder zwei Soldaten und eine Kanone, und vielleicht noch die Wolken wahr - das reicht locker, um es zu erkennen, ohne dass ich mir Details der Wolken, der Schriftart oder der Ausrüstung der Soldaten ansehen muss. (Randnotiz: Jonathan Glover, Humanity - lesenswert).
    Die aktuellen Bilderkennungssysteme gehen da anders vor, und kümmern sich nur um kleinste Details, die wir oft nicht einmal wahrnehmen können. Das ist eine ganz andere Wahrnehmung, als der Mensch sie hat - und kann niemals zu denselben Ergebnissen führen. Aber das wäre für die Frage, ob ein Werk ein Original oder eine abgewandelte Schöpfung ist, von Bedeutung.
  5. Dann heißt es noch, der Betreiber eines online content sharing Dienstes solle sich von den Rechteinhabern eine Autorisierung holen. Das halte ich hier für überflüssig - nicht nur weil wir hier keine Copyrightverstöße gehabt haben, sondern weil ich hier keine Inhalte sehen will, für die der Benutzer nicht das Copyright hält.
    Aber wenn ich den Text richtig lese, muss ich *trotzdem* versuchen, mir für alles, was hier hoch geladen wird, von den möglichen Rechteinhabern Lizenzen zu besorgen. Wie in aller Welt soll das gehen? Soll ich etwa für jedes Bild bei allen Bildagenturen (BAs) anfragen, ob sie das Bild haben? Falls ja - wer teilt mir denn mit, welche BAs neu gegründet worden sind? Falls ja, muß ich dann bei der Teuersten kaufen oder darf es die Billigste sein - oder soll ich gleich bei Allen kaufen? Dass ein Bild von mehreren Vermarktern vertrieben wird, ist ja durchaus normal.
    In diesem Zusammenhang stellt sich übrigens noch eine Frage: was hindert eine BA daran, Vorschaubildchen ohne Wasserzeichen zu zeigen, und die dann hinterher auf den verschiedenen Fotoplattformen zu suchen? Das wäre doch eine schöne Art, Geld zu verdienen ohne einen Euro für die Vermarktung auszugeben…
  6. Ein Hinweis: Q4/2018 war finanziell sowie nicht gerade lukrativ. Der Serverwechsel ging etwas ins Geld.
  7. Dann heißt es, der Betreiber sei haftbar, falls er keine Autorisierung habe, und nicht beweisen könne, dass er (a) versucht habe, eine solche zu bekommen, (b) "hohe Industriestandards mit professioneller Gewissenhaftigkeit" erfüllt habe beim Versuch, eben die zu bekommen, und (c) blabla (jetzt nicht wichtig).
    Ich frage mich gerade, wo auf dem Fotomarkt mit professioneller Gewissenhaftigkeit gearbeitet wird. Ich meine da immer nur professionelle Gewissenlosigkeit zu erkennen. Hat schon mal jemand davon gehört, dass eine Bildagentur ihre Abrechnungen mit den Fotograf durch eine dritte Partei prüfen ließ? Oder irgendein Teil der Presse wenigstens stichprobenweise ihre Bilder darauf prüfen lässt, dass sie echt und richtig beschriftet sind? Oder ob deren Veröffentlichungen aus anderen Gründen nicht erlaubt ist (https://bildblog.de/107037/wichtiger-hinweis-an-alle-bild-mitarbeiter/)?
  8. Ich frage mich auch gerade, wie ich beweisen können soll, dass ich mich um eine Autorisierung bemüht habe. Soll ich alle Antworten irgendwelcher Dienste abspeichern? Auch solche, bei denen Dutzende Bilder zurückgeliefert werden, die nicht passen (Google Images lässt grüßen)? Damit vervielfache ich den Bedarf an Platz auf der Festplatte (ja, vervielfachen ist richtig), und habe dann Sachen auf der Festplatte, die mir nicht gehören, was mir so gar nicht schmeckt.
    Und was mache ich eigentlich, wenn so ein Dienst das tut, was Dienste im Internet immer wieder tun - nicht antworten?
    Und wie stelle ich sicher, dass so eine gespeicherte Antwort nach ein paar Wochen noch brauchbar ist? Die Zeiten sind vorbei, in denen man das HTML einer Seite neben ein bisschen Javascript, CSS und Bildern abgespeichert hat, und das Zeug ein paar Tage später im Browser wieder öffnen konnte. Heute guckt so eine moderne Webapplikation ja erst mal nach, ob sie sich updaten muss oder lädt neue Werbung nach. Für Beweiszwecke taugt das alles nichts mehr.

Sollte ich hier gezwungen werden, einen Uploadfilter zu implementieren, wird das so geschehen, dass ich (a) mir vom Fotografen versichern lassen, dass er die Rechte am Bild hat (sowieso keine schlechte Idee), und (b) lasse die ersten fünf oder zehn Benutzer, die schon eine Weile dabei sind, über das Bild schauen, gebe ihnen einen Link auf die Google-Bildersuche, und zeige ihnen die letzten 10 oder 20 Thumbnails von Bildern des Uploaders, und lasse mir bestätigen, dass sie das Bild auf den ersten Blick für keinen Copyrightverstoß halten, bevor ich es für Alle sichtbar mache. Das kann dann schon mal drei, vier Stunden dauern… grob geschätzt.

Aber ich werde unter keinen Umständen Geld für Dienstleistungen ausgeben, deren Qualität unterirdisch ist - immerhin würde ich damit extrem schlechte Arbeit und eine mafiöse Industrie belohnen. Eher würde ich hier zu machen.

Das sollte für das Forum reichen - nach 15 Jahren ohne ernsthafte Probleme glaube ich das sagen zu können.

Aber würde ich ein anderes Forum betreiben, beispielsweise eines, in dem Benutzer schon mal Fotografien von Reparaturanleitungen von schon lange nicht mehr produzierten Autos hochladen, würde oben beschriebenes Verfahren mir nicht reichen. Für die, und viele, viele andere Plattformen, wird diese Urheberrechtsrichtlinie zum existentiellen Problem werden.

Benutzergenerierte Inhalte sind heute und schon seit langer Zeit der interessanteste Teil des Netzes. Die dafür geeigneten Plattformen unter Generalverdacht zu stellen ist absolut nicht zeitgemäß. Erst recht nicht, wenn weiterhin die größten dieser Plattformen mit Steuervermeidung davon kommen.
Es geht aber nicht nur um diese Inhalte - die Bilder hier oder anderswo, die von euch nach Youtube gestellten Filme, die Fanfiction im Netz, eure Kommentare auf irgendwelchen Nachrichtenseite.

Es geht auch um Software (https://savecodeshare.eu/), Parodien/Memes (https://www.savethememe.net/de), um die Freiheit, kreativ zu sein (https://createrefresh.eu/), ganz allgemein darum, ob wir uralte Freiheiten aufgeben wollen (die Freiheit, eine Idee zu nehmen und etwas Neues daraus zu schaffen, ist uralt und für die Entwicklung der Kunst und damit auch der Gesellschaft existentiell wichtig).

Es geht auch darum, wie frei wir als Gesellschaft sein wollen. Wollen wir eine Definition des Kunstbegriffs, die Memes umfasst? Oder soll nur das Kunst sein, was auf Auktionen mindestens 10000€ einbringt? Muss Satire im Fernsehen gesendet werden, oder darf ich hier auch welche veröffentlichen? Und wo wäre dann die Grenze? Ist https://xkcd.com/2102/ Kunst? Oder https://www.randomhouse.de/Tas [verkürzt] all-Munroe/Penguin/e498938.rhd?

Dürfen wir selbst entscheiden, was wir sehen wollen, oder soll das jemand Anderes für uns entscheiden? Vielleicht eine "künstliche Intelligenz", deren Programmierung weder uns noch dem Staat offen gelegt wird?

Aber um eine Gruppe geht es bei der Urheberrechtsreform nicht: die Schöpfer der Werke.
Dieser Gruppe wird die Reform garantiert nichts nützen. Bei mir, bei Dir, wird kein Euro mehr für Bilder ankommen. Diese ganze Reform wird nur den ohnehin gewaltigen Wasserkopf in der sogenannten Wertschöpfungskette aufblähen. Wir werden sehen, wie neue Dienstleistungen aus dem Boden gestampft werden, die alle potentiellen Gewinne und noch mehr auffressen werden.

Und ich wage die Prognose, dass die Gewinner Google und Co. sind - also die Unternehmen, die auch bisher schon nicht dokumentiert haben, wie ihre tollen Verfahren funktionieren, und die es erfolgreich vermieden haben, sich Qualitätskontrollen unterziehen zu müssen (oder Steuern zu zahlen), und deren KIs zu doof sind, Stopschilder auf Bildern zu erkennen, aber auf einmal gut genug für die Entdeckung von Copyrightproblemen sein sollen.
Ich für meinen Teil halte das für einen extrem negativen Ausgang.

Und deshalb bin ich gegen die Reform.

Wer das noch ist, möge bitte dagegen protestieren. Vielleicht auf change.org, vielleicht mit einer Mail an euren Bundestagsangeordneten, aber sinnvoller wäre es, auf die Straße zu gehen.

Den Hambacher Forst hat nicht change.org gerettet, sondern die Bilder der Proteste.