In letzter Zeit gab es ein paar Diskussionen, in den es darum ging, ob verschiedene Aufnahmen Naturaufnahmen waren oder nicht.

Der Begriff "Natur" ist hier im Forum bewußt weit gefaßt. Sehr weit…
Zitat aus Forumsrichtlinien von Uwe Ohse:

  • Natur ist als Gegenbegriff zu Kultur zu verstehen und umfaßt bereits nicht mehr den Menschen.

  • Natur umfaßt insbesondere nicht Haustiere, Zuchttiere, Nutztiere, Zucht- und Zierpflanzen und dergleichen, es sei denn, sie sind schon so lange ausgewildert und sich selbst überlassen, daß sie wieder ein Bestandteil der Natur geworden sind.

  • Zooaufnahmen sind durchaus akzeptabel, sollten aber möglichst weitgehend die Illusion von Natur aufrecht erhalten. Das heißt insbesondere, daß Gitter, Zäune und Mauern möglichst nicht zu sehen sein sollten. Manchmal mag das Motiv solche Elemente mehr als aufwiegen, aber solche Bilder sind selten.

  • Gerade in unseren Breiten sind gewisse unnatürliche Bildelemente kaum zu vermeiden, seien es Strommasten, Windmühlen oder Kondensstreifen. Und Auenlandschaften ohne Zäune sind auch selten.

    Im Endeffekt gibt es in Mitteleuropa keine wirklich natürliche Landschaft. Der Fotograf sollte aber diese Störeinflüsse minimieren.

Nun entzündete sich eine "Diskussion" (ich setze das Wort bewußt in Anführungszeichen) um die Frage, ob eine verwilderte Moschusente ins Forum darf oder nicht…

Die Antwort ist Ja.
Wir haben hier in der Gegend eine große Zahl Kanadagänse. Wie der Name schon andeutet: sie sind nicht hier zu Hause. Ich habe selbst mitbekommen, wie diese (von vielen Mitbürgern heute als Probleme angesehenen) Tiere hier angefüttert wurden… nein, ich *weiß* nicht, ob sie hier bewußt ausgewildert wurden, aber höchstwahrscheinlich war das so.
Ebenso haben wir hier Nilgänse (verwilderte Gefangenschaftsflüchtlinge). Oder schwarze Schwäne (dito). Einen Sittichschwarm sehe oder höre ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Oder…
Und wir haben hier frei lebende und längst verwilderte weiße Gänse und Enten… die Enten haben es mir echt angetan.
Um auf den Punkt zu kommen: Ich sehe nicht ein, wieso die Kanadagänse hier im Forum erlaubt sein sollten, und die weißen Enten nicht. Oder wieso diese eine Kanadagans mit deutlichem Zuchtganseinschlag hier nicht erlaubt sein sollte… (ja, die bastardisieren, was das Zeug hält. Die kennen keine Artgrenzen…).
Ja, eine "echte" Stockente kommt besser an als eine mit Hausenteneinschlag (weißer Hals oder ähnliches), und dagegen spricht auch nichts (ja, nichts. Auch wenn ich weiße Stockentenhälse nicht wirklich attraktiv finde).
Ich persönlich finde es unmöglich, eine gute Grenze zu ziehen.

Eine weitere "Diskussion" drehte sich um die Frage, ob Aufnahmen von Gartenblumen oder so erlaubt sind. Die Antwort ist Ja - so lange ich den Garten dem Bild nicht ansehe.

Es gibt ein anderes deutschsprachiges Forum, in dem die Regeln enger sind, und Zooaufnahmen und vieles mehr dem Vernehmen nach nicht erlaubt sind. Einige von euch könnten sich überlegen wollen, ob sie da nicht besser aufgehoben sind - falls ihnen ihr recht spezieller Naturbegriff so wichtig ist. Ansonsten könnte es besser sein, das Thema ruhen zu lassen.

Ich will "kurz" begründen, warum es hier so ist.

Einmal war es ungefähr von Anfang an akzeptierte Praxis. Man kann auch früher akzepierte Praxis über Bord werfen, aber warum sollte man? Wir sind so schlecht nicht damit gefahren.

Dann ist die Frage, wo man die Grenze zieht. Es gibt keine in sich logische, zwingende Abgrenzung.

Wir könnten natürlich alles verbieten, was irgendwie "unnatürlich" ist. Also unter anderem:
  • rheinische Kanadagänse
  • deutsche Kulturwälder
  • importierte Pflanzen
  • Zoo, Wildparks, afrikanische Gamefarms, etc usw.
  • botanische Gärten
  • Aufnahmen aus Aquarien oder Terrarien
  • Nachzuchten (glaubt übrigens nicht, dass hier nur einer Schmetterlinge nachzüchtet, um sie zu fotografieren.
Aber das werde ich schlicht nicht tun.
Einmal spricht das reine Eigeninteresse dagegen.
  • ich muß ziemlich weit fahren, um einen Wels da zu fotografieren, wo er natürlich vorkommt. Die bei uns sind ausgesetzt.
  • Sogar die Karpfen sind eigentlich ausgesetzt. Und ausserdem sind da Zuchtformen mit eingemischt. Der Karpfen ist im Mittelalter und/oder Altertum als Futter ausgesetzt worden…
  • Die Süßwasserqualle gehört auch nicht hierher.
  • Erwähnte ich den amerikanischen Flußkrebs schon? Warum mag der so heißen?
  • Oder die Wasserpestsorten, die nicht mehr aus unseren Seen wegzudenken sind?
  • Oder verschiedene Tausendblatt-Arten?
  • Dreikantmuschel und Spitze Blasenschnecke?
  • Den Goldfisch? Graskarpfen? Sonnenbarsch?
  • Schildkröten?
Es gibt gibt keine wirklich natürlichen Seen hier in der Umgebung. Die meisten sind Baggerseen, und das was darin, und auch in den anderen Seen und Flüssen lebt, gehört zu einem erheblichen Teil nicht in die Gegend.
Aber ich fotografiere dort trotzdem, weil es eben auch Natur ist - nur eben nicht die originale Natur, sondern die real existierende. Und auch deshalb bleiben die Regeln so, wie sie sind.
Außerdem kann es auch nicht sein, dass wir in einem Forum für Naturfotografie nicht die Natur dokumentieren dürfen, wie sie tatsächlich ist. Hier sind mittlerweile mehr Kanadagänse als Graugänse…
Ob die Pflanzen und Tiere durch den Menschen eingebürgert worden sind, seit Ewigkeiten hier leben, oder selbst eingewandert sind, weil der Mensch die natürlichen Feinde beseitigt hat oder eine passende ökologische Nische geschaffen hat, kann für uns kein Kritierium sind, sonst wäre es hier schlagartig leer.
Wir könnten natürlich das Zeigen von Aufnahmen verbieten, die gefangene Tiere und Pflanzen zeigen. Damit gibt es paar Probleme:
  1. Einer gut gemachten Aufnahme eines Tieres in Gefangenschaft sieht man die Gefangenschaft nicht an. Sicher, der Tiger vor einer deutschen Eiche… klar. Aber arabische Hornviper in Sand?
    Das führt nur zu Ärger. Zum einen fehlen uns die Experten, um das bei allen Arten sicher sagen zu können, und zum Zweiten sind diese Experten nicht unbedingt unparteilich.
  2. Die Natur ändert sich. Ja, das tut sie - mit starker menschlicher Nachhilfe, aber dennoch. Und dadurch wird "die Kombination gibt's nicht in freier Bildbahn" als Argument auf die Dauer immer schwächer.
    Wir sind hier im Forum mittlerweile so weit, erst mal mißtrauisch zu sein. Das ist schade - aber der nächste Schritt wäre, uns die Flugtickets zeigen zu lassen, ob der Fotograf seine bunte Blüte wirklich im Herkunftsland aufgenommen haben kann. Und das wäre nicht wirklich wünschenswert - ganz abgesehen von der Frage, ob es ökologisch sinnvoll ist, für ein Bild, das man genauso gut im Garten schießen kann, einmal um die Welt zu fliegen.
  3. Die Fraktion der puristischen und absolut ernstzunehmenden Naturfotografen ist zwar eine ziemlich lautstarke, aber zahlenmässig schwache Minderheit. Dass diese Leute mit Toleranz herausgefordert sind, ist zwar ein Problem, aber in erster Linie ihr Problem, und keineswegs ein Grund, die Regeln zu ändern.
  4. Dieses Forum ist halt auch eine Lernplattform (wer damit ein Problem hat, ist hier so falsch, wie es nur geht). Und so gut wie jeder von uns hat frühe Erfahrungen mit gefangenen Motiven gemacht - aus gutem Grund. Mir ist nicht so ganz klar, was daran falsch sein sollte, die Möglichkeit auch denen zu geben, die erst anfangen.


Die Regeln bleiben so, wie sie sind.